Laufende Forschungsprojekte

Familien und Haushalte im spät-osmanischen Palästina: Jerusalem, Gaza und Dörfer

Das Forschungsprojekt behandelt Familien und Haushalte im spätosmanischen Palästina, mit einem Schwerpunkt auf Gaza und die umliegenden Dörfer. Dank des osmanischen Zensus von 1905 können wir neuen Einblick in die vielfältigen sozialen Welten der Haushalte gewinnen, deren Größe von einer bis zu über fünfzig Personen schwankte, und darüber hinaus in die weiteren familiären Beziehungen von Haushaltsangehörigen. Die Volkszählung von 1905 war der umfassendste, der jemals im Osmanischen Reich vorgenommen wurde und erfasste, im Gegensatz zu früheren Zählungen, individuelle Daten für Frauen und Kinder, und nicht allein für männliche Erwachsene.
Die Zensusregister enthalten Informationen zu zahlreichen Aspekten des gesellschaftlichen Lebens wie berufliche Tätigkeiten, Gesundheit und Siedlungsmuster. Durch die Kombination von Zensusdaten und Befunden aus anderen Quellen (z.B. Reiseberichten, Erinnerungsliteratur und zeitgenössischen Fotografien) können wir unterschiedliche Muster von Haushalten aus allen sozialen Milieus unterscheiden. Wir können Strategien von Elite-Haushalten zum Erwerb von Status und Einfluss rekonstruieren; unsere Quellen enthalten aber ebenso Informationen zu in der Historiographie zu Palästina und dem Nahen Osten bisher weitgehend vernachlässigten subalternen Gruppen.

Projektleitung: Dr. Sarah Büssow


Die venezianische Armee auf osmanischem Boden 1684-1718. Translokalisierung, Kriegserfahrung, Transkulturation

Ziel des im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms 1981 „Transottomanica: Osteuropäisch-osmanisch-persische Mobilitätsdynamiken“ durchgeführten Projektes ist die Untersuchung und Darstellung der Kriegserfahrung der Soldaten der venezianischen Armee in den von ihr eroberten, besetzten und zum großen Teil wieder verlorenen osmanischen Gebieten Dalmatiens, Albaniens und Griechenlands in den nach dem italienischen Namen der Peloponnes sogenannten beiden Moreakriegen 1684-1699 und 1715-1718. Mit der Erforschung des migrationsgeschichtlichen Grundtatbestandes militärischer Reisen im südosteuropäischen Raum soll die "Mobilitätslinse" zur Erhellung transkultureller Entwicklungen genutzt werden. Auch für die militärische Form des Reisens gilt, dass sie nicht nur eine Verknüpfung von Abreise- und Endpunkt, sondern das Durchqueren von Räumen und dabei entstehende Prozesse von Translokalisierung und Transkulturation umfasst. Diese bildeten wohl zu allen Zeiten konstituierende Elemente der Kriegserfahrung der von ihnen betroffenen Soldaten und anderen Kriegsteilnehmer.
Wie haben die Bedingungen der Feldzüge im osmanischen Südosteuropa Alltag, Wahrnehmung und Erfahrung des Krieges aus der Sicht der Soldaten geprägt? Im Fokus soll dabei die Lebenswelt von Offizieren, Unteroffizieren und einfachen Soldaten stehen; es geht um ihren Alltag bei der An- und Abfahrt zum Kriegsschauplatz, bei Garnisons-, Lager- und Felddienst, um die Begegnung mit der Zivilbevölkerung (nicht zuletzt mit Frauen), um die Erfahrung, Deutung und Verarbeitung von Kampf und Gewalt, von Desertion, Gefangenschaft, Sklaverei und (gegebenenfalls) Ranzionierung, von Krankheit, Verwundung und Tod. - Das Osmanische Reich, in dem sie "Migrationen als transkulturelle Verflechtungen" erlebten, war dabei die Erfahrungs- und Diskurs"folie" dieser Männer, mit der sie ihre mitgebrachten Vor- und Einstellungen abgleichen, in dem sie neue Interaktions- und Kooperationsmuster mit "ihresgleichen" in der ethnisch und religiös heterogenen venezianischen Armee und den - im Normalfall wie sie selbst ebenfalls ethnisch, religiös und von der sozialen Herkunft her heterogenen - "Einheimischen" finden mussten. Gerade der Krieg unter den Rahmenbedingungen der Frühen Neuzeit erzwang eine besondere Intensität nicht nur von Interaktion überhaupt, sondern (abseits des Gefechtes) auch von Kooperation mit den "Anderen", den Menschen des "Feindes".

Projektleitung: Prof. Dr. Markus Koller
Bearbeiter: Dr. Andreas Helmedach
Website: SP Transottomanica
Projektbeginn: 1. Oktober 2017


Eine computerunterstützte Analyse der türkischen Außenpolitik im Subsahara-Afrika: Diachrone Themen und Netzwerke (2002-2016)

Das Projekt beschäftigt sich mit den Umwälzungen in der türkischen Außenpolitik nach der Regierungsübernahme durch die AKP im Jahr 2002. Auch wenn die Debatte darüber, ob es sich bei diesen Veränderungen nur um eine graduelle Verschiebung der außenpolitischen Prioritäten oder um eine radikale Neuausrichtung handelt, andauert, lässt sich doch feststellen, dass sich die türkische Außenpolitik nach 2002 zunehmend diversifiziert hat und im Sinne der ‚Strategischen Tiefe‘ auf zahlreiche neue Räume ausgreift.
Im Zuge dessen ist viel über die spezifischen Entwicklungen der türkischen Außenpolitik auf dem Balkan, im Kaukasus, in Zentralasien und dem Nahen Osten geforscht worden; ein weiterhin unterentwickelter Aspekt der Forschung ist jedoch die türkische Außenpolitik im Subsahara-Afrika, die nach 2002 erstmalig ein Arbeitsschwerpunkt der türkischen Außenpolitik wurde. Um die (außen-)politischen Entwicklungen in diesem Raum strukturiert zu erfassen, zielt das Projekt auf eine umfassende Untersuchung der Diskurse und (Diskurs-)Akteursnetzwerke in diesem spezifischen Politikfeld. Gegenstand des Projekts sind die Analyse der Argumentationen, Rhetoriken und Diskurse hinter dem neuen politischen Engagement der Türkei in dieser Region sowie die speziellen Foki dieser Politiken und der ihnen zugrundeliegenden Interessen.
Zu diesem Zweck wird mit Structural Topic Modeling eine moderne Methode aus dem Feld der computergestützten Textstatistik operationalisiert. Mithilfe dieses Werkzeugs der Digital Humanities sollen die thematische Struktur des Diskurses, die diskursiven Netzwerke zwischen verschiedenen Akteuren und die diachronen und synchronen Diskursveränderungen strukturiert erfasst werden. Somit stellt das Projekt auf methodologischer Ebene ebenfalls den Versuch dar, einen methodischen Rahmen für die statistische Analyse von Diskursstrukturen zu entwickeln.

Projektleitung: Fabian Brinkmann

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Zwischen Sympathie und Feindschaft: Flüchtlingsdebatten in der Türkei im Kontext politischer Identitäten und sozio-ökonomischer Realitäten

Forschungsantrag in Vorbereitung
Das Projekt beschäftigt sich mit dem gegenwärtigen ‚Flüchtlingsproblem‘ in der Türkei bedingt durch syrische Bürgerkriegsflüchtlinge. Es untersucht die Entwicklung der Flüchtlingsbewegungen und die Flüchtlingspolitik der Türkei (einschließlich der Unterbringung von Flüchtlingen in Teilen der Türkei) sowie deren Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft, insbesondere die politischen Reaktionen auf nationaler und lokaler Ebene. Als Quellenkorpus hierzu dienen neben nationalen und lokalen Nachrichtenmedien vor allem Archivquellen der Türkischen Nationalversammlung und der lokalen Gemeindeparlamente in Istanbul, Izmir, Hatay und Sanliurfa.
Der Untersuchungszeitraum reicht vom November 2014, dem Zeitpunkt der Gewährung des vorübergehenden Schutzstatus für Syrer, bis Juli 2016, als infolge des Putschversuchs und des darauffolgenden Ausnahmezustandes die Debatten um syrische Flüchtlinge in den Hintergrund traten. Die nationalen und lokalen Debatten während des genannten Zeitraums wurden durch die steigende Zahl syrischer Flüchtlinge, den sozialen und wirtschaftliche Auswirkungen dieser Fluchtbewegungen, humanitären Tragödien, Terroranschlägen in der Türkei, zwei nationalen Wahlen im Jahr 2015, den Verhandlungen mit der Europäischen Union über das Flüchtlingsabkommen und schließlich durch Vorschläge zur Gewährung der türkischen Staatsbürgerschaft für aktuell in der Türkei lebende Flüchtlinge geprägt

Projektleitung: Caner Tekin


Reconstructing the daily life of Ottoman Muslim merchants in 18th and 19th century Trieste

Seit dem frühen 20. Jahrhundert gibt es eine massenhafte Auswanderung aus Algerien nach Frankreich. Zuletzt ist indes auch Deutschland ein bevorzugtes Ziel junger algerischer Männer geworden. Ist dies nur ein kurzfristiger Reflex auf die temporäre Beschwörung einer deutschen Willkommenskultur, oder vollzieht sich hier ein langfristiger Paradigmenwechsel in der algerischen Emigration, der mit einem negativen Frankreich-Bild, einer europäischen Orientierung der Migranten und ihrer Emanzipation von (post)kolonialen Denkmustern zusammenhängt? Ausgehend von zwei Fallstudien zu Annaba und Düsseldorf untersucht das im Schnittfeld von historischer Migrationsforschung, Mediengeschichte und digital humanities angesiedelte Promotionsprojekt zum einen die Ursachen, Formen und Rahmenbedingungen der Migration. Zum anderen werden die medialen Repräsentationen sowie die individuellen Erwartungen und Erfahrungen der Migranten erforscht. Ziel ist eine möglichst umfassende Rekonstruktion der Akteursperspektive.

Projektleitung: Zeynep Arslan


Forschungskooperationen

Modernes Mittelmeer: Dynamiken einer Weltregion 1800│2000

Konflikte, Kriege und Krisen haben den Mittelmeerraum ins Zentrum der Aufmerksamkeit von Politik und Wissenschaft, Kunst und Medien gerückt. Obwohl viele dieser aktuellen Probleme im 19. und 20. Jahrhundert wurzeln, spielt das Mittelmeerparadigma in der Neuesten Geschichte nahezu keine Rolle. Die neuhistorische Mittelmeerforschung ist vielmehr in lokale, nationale und regionale Studien fragmentiert, die nur Teile der Region abdecken und sich wenig austauschen. Ein von der DFG gefördertes wissenschaftliches Netzwerk verknüpft diese getrennten Forschungszweige personell, thematisch und institutionell miteinander, um eine integrierte Sichtweise auf den modernen Mittelmeerraum zu ermöglichen. Im Fokus stehen die Dynamiken und Transformationen der Region zwischen 1800 und 2000. Anstatt den Mittelmeerraum als naturgegeben vorauszusetzen, wird untersucht, wie sich dieser Raum in der Moderne neu konstituierte. Wider mediterranistische Mythen mediterraner Einheit, Kontinuität und Einzigartigkeit wird die Region als eine Kontaktzone Afrikas, Asiens und Europas gefasst, die mit anderen Weltregionen verflochten war und mit diesen vergleichbar ist. Auf diese Weise soll mediterrane Geschichte nicht nur als innovatives Forschungsfeld der Neuesten Geschichte sichtbar gemacht, sondern auch als eigenständiger Ansatz profiliert werden, der europäische und nichteuropäische Perspektiven auf fruchtbare Weise verbindet und so zu einem vertieften Verständnis der gegenwärtigen Probleme der Region beitragen kann.

Projektleitung: Jun.-Prof. Dr. Manuel Borutta
Website: modernmediterranean.net