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Laufende Forschungsprojekte

Arbeits- und Lebensbedingungen öffentlich Bediensteter im späten Osmanischen Reich (1838-1922)

Die osmanische Arbeitsgeschichte im Rahmen der umfassenderen Historiographie des Osmanischen Reiches hat sich seit ihrem ersten Erscheinen vor fast einem Jahrhundert weiterentwickelt. Nachdem man sich zunächst auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der gewerkschaftlich organisierten Industriearbeiter und ihre organisatorischen Strategien und Kämpfe konzentriert hatte, kam es seit den 1980er Jahren parallel zu den internationalen Entwicklungen in der Arbeitergeschichtsschreibung zu neuen Perspektiven, z. B. durch die Untersuchung der "Geschichte von unten" und in jüngerer Zeit durch die Konzentration auf die "globale Arbeitergeschichte". Die osmanische Arbeitshistoriographie hat nun ihre Grenzen erweitert, um neue Forschungsbereiche einzubeziehen, wie z. B.: Landarbeiter, Bauern, weibliche Arbeitskräfte und Geschlechterfragen, häusliche Produzenten, Landarbeiter, organisierte Arbeit in Zünften, informelle Arbeitsbeziehungen, verschiedene Formen der Entlohnung und Immigration. Mit der Untersuchung der Arbeits- und Lebensbedingungen und der Widerstandsstrategien osmanischer Staatsbediensteter (Angestellte der unteren Ebenen des Staates wie Lehrer, Beamte, Soldaten, Beamte, Polizisten, Botschaftsangestellte u.a.) im späten Reich möchte die vorliegende Arbeit einen neuen Beitrag zu dieser wachsenden Literatur leisten.
Die Studie erörtert zunächst die Gründe dafür, warum Beamte trotz des wachsenden Umfangs der Arbeitshistoriographie weniger Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben als Arbeiter. Ein Ergebnis ist, dass frühere Forschungen den Staat selbst nicht als ein Feld des Kampfes betrachtet haben. Die Tendenz in der Arbeitergeschichtsschreibung bestand darin, die Handlungsfähigkeit von Beamten und Angestellten des öffentlichen Dienstes zu ignorieren und sie nicht als Arbeiter, sondern als Angestellte zu betrachten, die der Welt des Kleinbürgertums angehören und den Staat als einheitliches Gebilde innerhalb einer reglementierten hierarchischen Struktur vertreten. Diese Sichtweise wurde durch historische Faktoren verstärkt, die die Fähigkeit von Staatsbediensteten, kollektiv zu handeln und sich zu organisieren, im Vergleich zu Arbeitnehmern in der Privatwirtschaft einschränkten. Historisch gesehen vertraten auch osmanische Staatsmänner häufig die Ansicht, dass Staatsbedienstete dem Volk verantwortlich seien und dem Staat als dessen Vertreter uneingeschränkte Loyalität schulden. Daher stießen ihre Widerstandsstrategien auf strenge und kompromisslose Reaktionen. Dennoch zeigt der osmanische Kontext, dass Beamte nicht stillhielten oder uneingeschränkt loyal waren, sondern alternative Organisationsmethoden und Widerstandsstrategien entwickelten, wenn sich ihre Arbeits- und Lebensbedingungen verschlechterten.
In dieser Studie werden drei Hauptentwicklungen erörtert, die die Lebens- und Arbeitsbedingungen der osmanischen Staatsbediensteten im 19. Jahrhundert verschlechterten und sie zum Widerstand veranlassten: die Zentralisierung und die Umgestaltung der bürokratischen Organisation, niedrige Gehälter oder verspätete Gehaltszahlungen aufgrund von Finanzkrisen und der Rückgang der Kaufkraft der Staatsbediensteten aufgrund der steigenden Lebenshaltungskosten. Die Widerstandsstrategien der öffentlich Bediensteten als Reaktion auf diese politischen und wirtschaftlichen Negativfaktoren werden sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene diskutiert. Zu den individuellen Strategien der Beamten zur Verteidigung ihrer Rechte gehörten das Schreiben von Petitionen, hohe Fehlzeiten, die Forderung von Bestechungsgeldern und Geschenken von der Öffentlichkeit, die Annahme von Nebenjobs, Ungehorsam gegenüber Vorgesetzten und die Kündigung. Kollektiv drückten Beamte ihre Beschwerden häufig durch Streiks, das Schreiben von Kollektivpetitionen und die Organisation in Hilfsvereinen aus. Durch die Betrachtung von Widerstandsstrategien aus fast allen Regionen des Reiches soll in diesem Beitrag die Handlungsfähigkeit der osmanischen Staatsbediensteten aufgezeigt werden.

Projektleitung: Dr. Kadir Yildirim

Strafarbeit und Widerstandsstrategien osmanischer Gefangener im späten Osmanischen Reich

Die Machtverhältnisse im Osmanischen Reich wurden durch modernistische Reformen im langen neunzehnten Jahrhundert allmählich gouvernementalisiert und zentralisiert. Als Teil dieses Prozesses wurde die Praxis der internaler und externaler Gefängnisarbeit zu einem wichtigen Bestandteil des osmanischen Strafvollzugs im späten Kaiserreich. Obwohl der Staat in den gesetzlichen Bestimmungen die rehabilitierende Wirkung der Gefängnisarbeit betonte, zeigen viele Einzelfälle und die externale Ausweitung der Praxis, dass im osmanischen Fall die Bereitstellung billiger Arbeitskräfte die Hauptantriebskraft war. Die ablehnende Reaktion der Gefangenen auf die Arbeit in den Gefängnissen war jedoch ebenso wichtig für den Erfolg der Praxis wie die Vorschriften, die Disziplinarmaßnahmen und die administrativen und finanziellen Grenzen des Staates.
Durch die Konzentration auf die Widerstandsstrategien der Gefangenen, darunter Desertion, das Verfassen von Petitionen, kollektive Arbeitsniederlegungen, Verlangsamungen, Streiks und Diebstähle, soll dieser Beitrag ihre Stimmen verstärken. Diese auf die Gefangenen bezogene Sichtweise ermöglicht es uns, eine Foucauld'sche Perspektive im Kontext der Machtverhältnisse und des Widerstands gegen solche Praktiken einzunehmen und zu veranschaulichen, wie die Gefangenen die Gouvernementalität und die Vorherrschaft des Staates durch viele Formen des Widerstands schwächten.

Projektleitung: Dr. Kadir Yildirim

Internationale Kooperation gegen Anarchismus: Eine historische Netzwerkanalyse (1898-1913)

In den 1890er Jahren wurden der Anarchismus und die anarchistische Bewegung von Behörden und Presse mit Terrorismus gleichgesetzt. Die zunehmende Zahl von Anschlägen, die angeblich von Anarchisten in verschiedenen Ländern verübt wurden, führte zu einer internationalen Zusammenarbeit, z.B. in Rom (1898) und St. Petersburg (1904), um auf gemeinsamer, internationaler Ebene gegen Anarchisten vorzugehen. Bei diesen Treffen beschlossen die teilnehmenden Länder, Informationen über Anarchisten auszutauschen und die Deportation von Anarchisten zu erleichtern. Die gemeinsam genutzten Formulare enthielten detaillierte Daten und Fotos von Personen, die beschuldigt wurden, anarchistischen Netzwerken anzugehören.
Die historische Entwicklung der anarchistischen Bewegung in Bezug auf Theorie und Praxis wurde in mehreren Studien untersucht. Die Rolle des Osmanischen Reiches (des einzigen muslimischen Teilnehmers an der internationalen Zusammenarbeit gegen den Anarchismus) bei der "Auseinandersetzung" mit der europäischen anarchistischen Bewegung ist jedoch noch nicht geklärt. Osmanische Archivformulare, die Deutschland, Spanien, Russland oder anderen Ländern zur Verfügung gestellt wurden und sich auf Arbeiter bezogen, die als Anarchisten auf die schwarze Liste gesetzt wurden, zeigen, dass nur 20 % der Formulare einen eindeutigen Beweis dafür enthalten, dass die betroffene Person tatsächlich ein Anarchist war. Im Gegenteil, in etwa 80 % der Formulare wurden keine stichhaltigen Beweise für die Rechtfertigung einer Deportation vorgelegt. In vielen Fällen diente die Berufung auf den Anarchismus dazu, einfache Arbeiter zu schikanieren und  politische Opposition in vielen Ländern zu beseitigen. Da die internationale Zusammenarbeit gegen den Anarchismus auf dem gegenseitigen Informationsaustausch beruhte, gibt es ähnliche Formulare und Fotos auch in europäischen Archiven. Auf diese Formulare und Dokumente wird  in der Studie ebenfalls zurückgegriffen.
Die Forschung wird die Methode der historischen Netzwerkanalyse anwenden, um die Verbindung zwischen den Ländern in Bezug auf den Austausch von Informationen über Anarchisten zu visualisieren. Die Visualisierung des historischen Netzwerks kann die Möglichkeit bieten, die Beziehung und die Weitergabe dieser Informationen zu konzeptualisieren und uns insgesamt ein konkreteres und klareres Verständnis der Zusammenarbeit zu vermitteln. Die Transitivität und Zentralität von Netzwerken, zwei Hauptelemente der Netzwerkanalyse, werden verwendet, um die historische Zusammenarbeit gegen den Anarchismus mit einer breiten und dynamischen Struktur zu verstehen. Im Lichte der historischen Netzwerkanalyse können osmanische Dokumente und ähnliche Formulare aus verschiedenen europäischen Archiven es uns ermöglichen, die Funktionsweise der internationalen Zusammenarbeit zu bewerten und den Informationsaustausch gegen Anarchisten zu veranschaulichen.

Projektleitung: Dr. Kadir Yildirim

Militärische Gewaltkulturen am Beispiel der beiden "Großen Türkenkriege" (1683-1718): Das habsburgische und das osmanische Militär im Vergleich

In Zusammenarbeit mit der Universität Potsdam richtet das, durch die DFG geförderte, Projekt aus einer mikrosoziologischen Perspektive den Blick auf die illegalen militärischen Gewaltkulturen der osmanischen und habsburgischen Armeen in den sogenannten Türkenkriegen von 1683-1899 und 1714-1718.
Während das osmanische Reich im Herrschaftsgebiet Wiens seine Bedeutung als Bedrohungsfigur zunehmend verlor, nahm das Bedrohungsgefühl im osmanischen Südosteuropa gegenüber den Konkurrenten stetig zu. Es ist zunächst dieser Bewusstseinswandel vor dem Hintergrund veränderter militärischer Bedingungen, der die Frage nach der Ausgestalltung in einer Transformationsperiode aufwirft. In strukturgeschichtlicher Hinsicht fielen die beiden Kriege in einen Zeitraum, der als Beginn einer Phase angesehen wird, in der der „moderne Staat“ zunehmend als Gewaltakteur in Erscheinung trat. Homogenisierung und Professionalisierung der Streitkräfte werden als entscheidende Merkmale in diesem Prozess definiert. Damit stellt sich die Frage, ob und inwieweit sich das osmanische Reich in dieses Muster einfügte und strukturelle Veränderungen im militärischen Bereich auf die Ausformung von Gewaltkulturen einwirkten. Die historische Forschung hat sich mit diesem Übergangsprozess in Südosteuropa vorwiegend im Sinne der klassischen Militär- und Diplomatiegeschichte beschäftigt, sodass die Analyse von Gewaltphänomen bzw. die Frage nach Gewaltkulturen bisher noch kaum eingehender behandelt wurde. Unser Forschungsvorhaben beabsichtigt somit einen Beitrag dazu leisten, die Militärgeschichte mit der historischen Gewaltforschung im Rahmen einer Imperiengeschichte enger zu verzahnen und damit den notwendigen interdisziplinären Austausch zu stärken.
Im Rahmen dieses Konzepts werden zwischen drei gewaltaffinen Räumen unterschieden, in welchen die Urheber von Gewalt und deren Opfer, zudem Strukturen und Mechanismen von als illegitim definierten Gewalt untersucht werden: Räume des eigentlichen Schlachtgeschehens, Räume des soldatischen Lebens sowie Räume der zumindest zeitweise vom Krieg direkt betroffenen Zivilgesellschaften. Neben den offiziellen Dokumenten in den Staats- und Militärarchiven in Istanbul und Wien werden die inoffiziellen Quellen wie z.B. Ego- Dokumente, Traktate, Chroniken, Memoiren, Volksgedichte oder Gefangenschaftstagebücher berücksichtigt, die eine mikrosoziologische Analyse der militärischen Gewaltkulturen ermöglichen könnten.

Projektleitung: Barbaros Köksal M.A.

Familien und Haushalte im spätosmanischen, ländlich geprägten Palästina

Kern des Projekts ist die selektive Erschließung und Analyse der osmanischen Volkszählungsregister (sicil-i nüfūs) zu Palästina (1880er Jahre und 1905). Dies ist ein für die Nahostgeschichte einzigartiges Quellenkorpus, das erst seit 2016 in digitalisierter Form für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Ähnliche Bestände an Volkszählungsregistern sind bisher nur ausschnittsweise für einzelne Großstädte (insbesondere Istanbul [Duben und Behar 1992], Kairo [Alleaume und Fargues] und Damaskus [Okawara 2003]) ausgewertet worden. Das ERC-Projekt eines türkischen Historikers, Prof. Erdem Kabadayı von der Koç University, arbeitet zur Zeit mit älterem, sehr viel weniger detailliertem Material zu wirtschaftshistorischen Fragestellungen in Bezug auf Anatolien. Für ländliche Siedlungen sind Volkszählungsdaten bisher fast gar nicht ausgewertet worden.
Das Projekt bereitet diese Quellen zunächst statistisch auf und wertet sie dann in einzelnen Arbeitsbereichen zum Thema „Haushalt“ aus. Dabei werden die empirischen Daten auf andere Quellen bezogen, die Einblick geben in Wahrnehmungen und Deutungen der herausgearbeiteten Strukturen durch Zeitgenossen (z.B. Gerichtsakten, z.T. noch nicht edierte Chroniken, Reiseberichte und biographische Lexika,).
In einem solchen Projekt könnten Aussagen zu Deutungen und Umformungen sozialer Strukturen in verschiedenen Medien (z.B. Belletristik, Recht) entstehen, wie sie in dieser Präzision bisher nicht möglich waren. Zugleich ist zu erwarten, dass die Komplementärquellen die Rekonstruktion der Sozialstrukturen gelegentlich auch in Frage stellen und korrigieren helfen.
Das Projekt baut auf Vorarbeiten auf, die im im Rahmen des GIF-Projekts „Gaza during the Late Ottoman Period“ unter Leitung von Prof. Yuval Ben-Bassat und Prof. Johann Büssow entstanden sind und an dem Sarah Büssow von Mai 2017 bis einschließlich Dezember 2018 beteiligt war und eigene Forschungsarbeit geleistet hat.

Im Rahmen des Projektes wurde folgender Artikel veröffentlicht:

Büssow, Sarah und Büssow, Johann, „Domestic Workers and Slaves in Late Ottoman Palestine at the Moment of the Abolition of Slavery: Considerations on Semantics and Agency”, in Conermann, S./Sen, Gül (Hrsg.), Slaves and Slave Agency in the Ottoman Empire, Vandenhoeck&Ruprecht Verlage: Universitäts-Verlag Bonn, Bonn 2020.

Außerdem ist die Veröffentlichung eines weiteren Beitrags geplant:

Büssow, Sarah, “Elite Households in Gaza, c. 1900: Beyond the ‘Notable Family’”, in: Ben-Bassat, Y./Büssow, J. (Hrsg.), The household from the inner to the wider world…

Projektleitung: Dr. Sarah Büssow

Die venezianische Armee auf osmanischem Boden 1684-1718. Translokalisierung, Kriegserfahrung, Transkulturation

Ziel des im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms 1981 „Transottomanica: Osteuropäisch-osmanisch-persische Mobilitätsdynamiken“ durchgeführten Projektes ist die Untersuchung und Darstellung der Kriegserfahrung der Soldaten der venezianischen Armee in den von ihr eroberten, besetzten und zum großen Teil wieder verlorenen osmanischen Gebieten Dalmatiens, Albaniens und Griechenlands in den nach dem italienischen Namen der Peloponnes sogenannten beiden Moreakriegen 1684-1699 und 1715-1718. Mit der Erforschung des migrationsgeschichtlichen Grundtatbestandes militärischer Reisen im südosteuropäischen Raum soll die "Mobilitätslinse" zur Erhellung transkultureller Entwicklungen genutzt werden. Auch für die militärische Form des Reisens gilt, dass sie nicht nur eine Verknüpfung von Abreise- und Endpunkt, sondern das Durchqueren von Räumen und dabei entstehende Prozesse von Translokalisierung und Transkulturation umfasst. Diese bildeten wohl zu allen Zeiten konstituierende Elemente der Kriegserfahrung der von ihnen betroffenen Soldaten und anderen Kriegsteilnehmer.
Wie haben die Bedingungen der Feldzüge im osmanischen Südosteuropa Alltag, Wahrnehmung und Erfahrung des Krieges aus der Sicht der Soldaten geprägt? Im Fokus soll dabei die Lebenswelt von Offizieren, Unteroffizieren und einfachen Soldaten stehen; es geht um ihren Alltag bei der An- und Abfahrt zum Kriegsschauplatz, bei Garnisons-, Lager- und Felddienst, um die Begegnung mit der Zivilbevölkerung (nicht zuletzt mit Frauen), um die Erfahrung, Deutung und Verarbeitung von Kampf und Gewalt, von Desertion, Gefangenschaft, Sklaverei und (gegebenenfalls) Ranzionierung, von Krankheit, Verwundung und Tod. - Das Osmanische Reich, in dem sie "Migrationen als transkulturelle Verflechtungen" erlebten, war dabei die Erfahrungs- und Diskurs"folie" dieser Männer, mit der sie ihre mitgebrachten Vor- und Einstellungen abgleichen, in dem sie neue Interaktions- und Kooperationsmuster mit "ihresgleichen" in der ethnisch und religiös heterogenen venezianischen Armee und den - im Normalfall wie sie selbst ebenfalls ethnisch, religiös und von der sozialen Herkunft her heterogenen - "Einheimischen" finden mussten. Gerade der Krieg unter den Rahmenbedingungen der Frühen Neuzeit erzwang eine besondere Intensität nicht nur von Interaktion überhaupt, sondern (abseits des Gefechtes) auch von Kooperation mit den "Anderen", den Menschen des "Feindes".

Projektleitung: Prof. Dr. Markus Koller
Bearbeiter: Dr. Andreas Helmedach
Webseite: SP Transottomanica
Projektbeginn: 1. Oktober 2017

Revolution am Mittelmeer. Eine Südeuropäische Geschichte des griechischen Unabhängigkeitskrieges von 1821

Ziel des Projekts ist eine Untersuchung des griechischen Unabhängigkeitskrieges von 1821 im Kontext der sich zeitlich überschneidenden revolutionären Bewegungen im westlichen Mittelmeerraum, welche die mit dem Wiener Kongress von 1815 geschaffene europäische Restaurationsordnung erstmals in Frage stellten. Das Erkenntnisinteresse richtet sich dabei zunächst auf transregionale Mobilitätskreisläufe und Netzwerke von Gruppen und Individuen, die in der Periode der napoleonischen Kriege als Rezipienten wie Multiplikatoren revolutionärer Potentiale fungierten und maßgeblichen Anteil an deren akuter Manifestation in den 1820er Jahren hatten. In diesem Zusammenhang werden Mechanismen politischer Mobilisierung sowie Dynamiken von sich damals formierenden Medienöffentlichkeiten und ihrer Bedeutung für staatliches Handeln untersucht. Das Erkenntnisinteresse richtet sich ferner auf Phänomene von Austausch und Ideentransfer im Hinblick auf die Artikulation politischer Zielhorizonte, auf Legitimierungsstrategien und insbesondere auf staatliche Institutionenbildung im Rahmen revolutionärer Verfassungsdiskurse. Daran anschließend wird auch der Frage nach der regionalen Wirkungsgeschichte dieser Prozesse in Südosteuropa sowie dem östlichen Mittelmeerraum nachgegangen. Auf diese Weise soll ein Forschungsbeitrag geleistet werden, der bis heute etablierte nationalhistoriographische wie eurozentrische Perspektiven überwindet und den griechischen Unabhängigkeitskrieg zweihundert Jahre nach seinem Beginn in einer (trans-)mediterranen Verflechtungsgeschichte des „Zeitalters der Revolutionen“ integriert.

Prokektleitung: PD Dr. Ioannis Zelepos

Menschen in Bewegung: Die Wiederentdeckung spätmoderner sozioökonomischer Verhältnisse in der Mobilität osmanischer Untertanen im Habsburger Reich

Die verfügbare Literatur, die sich mit den Kontakten zwischen dem Osmanischen Reich und seinen europäischen Partnern befasst, konzentriert sich im Allgemeinen auf die Zeit vor dem 18. und 19. Jahrhundert , vor allem weil sich Historiker einig sind, dass die politischen, militärischen und kommerziellen Beziehungen zwischen dem Osmanischen Reich und Europa im 15. und 16. Jahrhundert am stärksten waren. Außerdem beschäftigt sich die Menge der bisher erstellten Studien zu folgenden Jahrhunderte mit den Beziehungen, die angeblich von nicht-muslimischen Gemeinschaften - insbesondere orthodoxen Kaufleuten - aufgebaut wurden. Die Bedeutung oder der Beitrag solcher Beiträge zur einschlägigen Geschichtsschreibung soll hier weder in Frage gestellt noch bestritten werden. Allerdings bringen diese auf die Diaspora fokussierten Studien eine Perspektive der Geschichtsschreibung mit sich, die das "Wir" in der Einheit "Nation" verkörpert, indem sie die Bindungen zwischen den Gemeinschaften betonen und damit sowohl jede Art von Interaktion als auch Interdependenz zwischen den verschiedenen Gemeinschaften ignorieren. Anhand von drei voluminösen Bänden, die eine Art Bevölkerungsregister darstellen und von den habsburgischen Behörden über die osmanischen Untertanen geführt wurden, die sich zwischen 1823 und 1825 innerhalb der habsburgischen Grenzen aufhielten, zielt diese Studie darauf ab, ein repräsentativeres Bild der spätmodernen politischen und sozioökonomischen Phänomene zu zeichnen, die Menschen aus verschiedenen Gesellschaften zusammenbrachte, mit dem spezifischen Ziel, alle osmanischen Untertanen, unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft oder Religion, in den Blick zu nehmen.

Projektleitung: Zeynep Arslan M.A.


Forschungskooperationen

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